Kultur & Medien | 24.02.13 | Druckversion

Lawine – ein Theaterstück als Solidaritätsdemonstration

SONY DSCDas Stück „Lawine“ von Bolat Atabayev, Tuncer Cücenoglu und Theater Aksaray aus Almaty ist eine Parabel auf die Diktatur in Kasachstan. Die Bewohner eines Bergdorfes verbringen den grössten Teil des Jahres in Stille, lautes Sprechen, Schreien, Singen oder Feiern sind wegen der Lawinengefahr unter Todesstrafe verboten. Als eine Frau trotzdem ein Kind zur Welt bringt und trotz seiner Schreie keine Katastrophe geschieht, schütteln die Menschen ihre Angst ab. Sie beginnen, aufzustehen und laut zu werden.

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Zu Beginn hatte der Regisseur eine kurze Einführung zum politischen Hintergrund und den Inhalt des Stückes gegeben. Obwohl die Dialoge ausschließlich in kasachischer Sprache geführt werden, ist die Handlung so für jeden weitgehend nachzuvollziehen. Die hervorragenden Darsteller bringen das ständige Gefühl der Angst vor der drohenden Katastrophe intensiv zum Ausdruck, die Bildsprache der Kostüme unterstreicht den satirischen Inhalt noch weiter.

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Der Regisseur Bolat Atabayev ist selbst von Repressionen des kasachischen Regimes bedroht. Erst zahlreiche Proteste und großer öffentlicher Druck konnten ihn letztes Jahr aus dem Gefängnis befreien, wo er wegen „Anstiftung zu sozialer Unruhe“ eingesessen hatte. Atabayev hatte sich 2011 mit dem Streik der Ölarbeiter in Schanaosen solidarisiert. Zur Zeit arbeitet er an einem neuen Theaterstück, was das Massaker der kasachischen Sicherheitskräfte an (offiziell) 17 Menschen am 16. Dezember 2011 thematisiert. Immer noch sind zahlreiche Arbeiteraktivisten „verschwunden“, im Gefängnis oder verfolgt. Doch trotz aller Repressionen kämpfen die ArbeiterInnen dort weiter.

Im Anschluss an die Aufführung dankte der Regisseur den Aktivisten der “Campaign Kazakhstan“ und dem anwesenden kasachischen Gewerkschafter Ainur Kurmanov für ihre Arbeit. Ainur, führender Kopf der Schwesterorganisation der SAV in Kasachstan, der wegen seiner politischen Arbeit bereits mehrere Gefängnisaufenthalte hinter sich hat, befndet sich wie viele andere AktivistInnen zur Zeit im Exil, sein Leben ist bedroht. Als spontane Solidaritätsaktion mit dem Widerstand in Kasachstan versammelten sich Künstler und Publikum zu einem Gruppenfoto.

Weitere Aufführungen von „Lawine“ finden am 27. und 28. Februar um 20 Uhr im ARTheater am Ehrenfeldgürtel statt. Außerdem wird Bolat Atabayev am 1. März um 20 Uhr in der Orangerie bei einer Veranstantstaltung der Theaterakademie zum Thema „Politik im Theater“ sprechen, das Theater Aksaray wird musikalische Beträge leisten.

„Campaign Kasachstan“ braucht weiterhin jede mögliche Unterstützung für ihre Arbeit, z.B. Spenden. Weitere Infos gibt es z.B. hier: http://campaignkazakhstan.org/

Diese und andere Hintergrundartikel zum Thema auf der bundesweiten Homepage der SAV:
http://www.sozialismus.info/2012/12/die-verantwortlichen-fuer-das-massaker-von-schanaosen-wurden-nie-belangt
http://www.sozialismus.info/2011/12/14585
http://www.sozialismus.info/2013/02/kasachstan-das-leben-eines-aktivisten-ist-in-gefahr

Dieser Artikel, den wir bei der Aufführung als Flugblatt verteilten, erschien am 13. Februar auf www.sozialismus.info:

Solidarität mit dem kasachischen CWI-Mitglied Ainur Kurmanow

Das Jahr 2012 war in Russland das Jahr der größten Demonstrationen seit 20 Jahren. Wie ernst das Regime diese Protestwelle nahm, zeigt die unvorstellbare Zahl von Polizei- und Armeekräften, die nach Moskau geschickt wurden: Zehntausende Soldaten und Sicherheitskräfte kontrollierten in den letzten Monaten die Hauptstadt.

von Dima Yansky, Aachen

Zwölf AktivistInnen der Anti-Putin-Proteste wurden verhaftet und sitzen bereits seit mehreren Monaten im Gefängnis. Einer der linken Aktiven, Leonid Raswosschajew, wurde von russischen Geheimdiensten aus der ukrainischen Hauptstadt Kiew entführt. Ein anderer Aktivist, Alexander Dormatow, beging am 17. Januar in Rotterdam Selbstmord, nachdem die niederländischen Behörden ihm das Asylrecht verwehrten und ihn nach Russland abschieben wollten.

Aufruhr und Repression in Kasachstan

Noch angespannter ist die Situation in Kasachstan. Hier kam es zu regionalen Streiks und Aufständen. Wie viel Angst die herrschende Klasse vor der organisierten Arbeiterbewegung hat, zeigt die blutige Niederschlagung der Proteste in Schanaosen im Dezember 2010. Die ganze Stadt wurde von Polizeihundertschaften, Geheimdienst-Einsatzkommandos und Marineinfanterie besetzt, Tausende ArbeiterInnen festgenommen, verhört, gefoltert und sogar vergewaltigt. Die genaue Zahl der Getöteten liegt auch heute noch im Dunkeln.

Dennoch wuchs die Welle der Streiks weiter an. Die Beschäftigten von mehreren Betrieben in der Metall-, Bergbau- und Ölindustrie kämpften für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen. Und die Antwort der herrschenden Oligarchie war immer die gleiche: Noch mehr politischer Druck, noch mehr Polizei, noch mehr Repression. In den letzten Monaten haben 17 Ölarbeiter aus Schanaosen langjährige Haftstrafen erhalten. Die Herrschenden fühlen sich dermaßen bedroht, dass sie sogar die liberale Opposition ins Visier genommen haben: So wurde im November 2012 die liberale Partei Alga verboten, ihr Parteivorsitzender, Wladimir Koslow, bekam siebeneinhalb Jahre Haft.

Massive Angriffe auf SozialistInnen

Auf einer dem Geheimdienst nahestehenden Website jubelten Regierungsanhänger, dass die liberale Opposition vollständig zerschlagen sei. Die Einzigen, die ihrer Meinung nach noch übrig sind, wären die SozialistInnen. Und genau da wollen sie jetzt ansetzen.

Der linke Menschenrechtsaktivist Wadim Kuramschin wurde zu zwölf Jahren Gefängnis verurteilt. Sergej Simonenko verlor auf Betreiben des Geheimdienstes seine Arbeit und musste ins Exil nach Russland gehen.

Aber auch im Exil ist es nicht mehr sicher. Am 15. Dezember 2012 versuchten die kasachischen Geheimdienste, den führenden Kopf der SAV-Schwesterorganisation in Kasachstan und Vorsitzenden der Gewerkschaft Zhanartu, Ainur Kurmanow, im Stadtzentrum Moskaus zu entführen. Als vier Männer in Schwarz Ainur unter Anwendung von Gewalt verschleppen wollten, sahen russische Polizisten dabei zu. Nur dank der mutigen Einmischung von linken AktivistInnen schafften die kasachischen Geheimdienstkräfte es nicht, Ainur in ihre Gewalt zu bringen. Als die AktivistInnen, die das Geschehen filmten, das Video über die Entführung auf Youtube stellten, kam es zu anonymen Morddrohungen gegen Ainur.

Nur internationale Solidarität, Unterstützungs- und Öffentlichkeitsarbeit kann das Leben von Ainur und den anderen bedrohten AktivistInnen Kasachstans schützen.

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